Dass Informantenschutz in Deutschland nicht nur rechtlich, sondern auch journalistisch lückenlos funktionieren kann, belegt die Affäre Franz STEINKÜHLER aus dem Jahre 1993. Sie ist im Buch (S. 282-287) detailliert beschrieben. Ebenso wie sie zu Stande kam. Außerdem wie der Informantenschutz auch auf der journalistischen Ebene professionell gemanagt werden kann. Mit freundlicher Genehmigung des stern können wir die in der Ausgabe Nr. 21 v. 19.5.1993 erschienene Geschichte hier präsentieren:
Sein bester Abschluß
Von Michael BACKHAUS
Affäre Franz STEINKÜHLER
Im Ostdeutschen Arbeitskampf bat IG-Metall-Chef Franz STEINKÜHLER um Spenden für die Streikenden. Um den Abschluß des neuen Tarifvertrages mußte der Gewerkschaftsführer hart kämpfen, als er den besten Abschluß ganz privat schon gemacht hatte: STEINKÜHLER, Aufsichtsratsmitglied bei Daimler-Benz, spekulierte mit Mercedes-Aktien für eine Million Mark und strich einen sechstelligen Gewinn ein. Ein Insider-Geschäft?
Als IG-Metall-Chef Franz STEINKÜHLER vorigen Samstag seinen Vorstand um sich versammelte, um den ersten Arbeitskampf in Ostdeutschland seit 60 Jahren abzublasen, da hatte er durch die Fenster des Sitzungssaales im 14. Stock der Frankfurter Gewerkschaftszentrale die übliche Aussicht auf die Geldtürme der Deutschen Bank. Sie mögen ihn daran erinnert haben, daß auch nach diesem Streik die Gewerkschaft von STEINKÜHLERs selbstgestecktem Ziel »Aufhebung der Vormachtstellung des Kapitals über die Arbeit« weit entfernt ist. Hätte es sonst jener Solidaritätsaktion bedurft, mit der STEINKÜHLER zwei Tage zuvor die »gesamte Bevölkerung« und die »sozial denkenden Institutionen« ermunterte, auf die »Nummer der Solidarität 1515« bei der BfG-Bank zu spenden, damit den 40.000 Streikenden im Osten das karge Streikgeld um 50 Mark pro Woche aufgestockt werden kann?
Wieviel die Nummer mit der Solidarität noch einspielt, bleibt abzuwarten. STEINKÜHLER persönlich dürften zwei andere Nummern bei der BfG ohnehin mehr interessieren: die 7073 573 800 und die 7048 364 400. Dabei handelt es sich um das Aktiendepot des Gewerkschaftsführers und das seines minderjährigen Sohnes Dominik. Und an der Wertpapierfront hat STEINKÜHLER in den zurückliegenden Wochen mindestens soviel Einsatz gezeigt wie im Arbeitskampf.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Mehr als 160 000 Mark erwirtschaftete der IG-Metaller auf die Schnelle. Einsatz: eine Million. So lauthals er für die Prozente der Metaller stritt, so geräuschlos mehrte der mit einem Jahreseinkommen von gut einer Viertel Million Mark bestbezahlte deutsche Gewerkschafter sein privates Vermögen.
Doch die Freude am schnellen Geld währt wohl kurz. Denn der Gewinn beruht auf einer Spekulation STEINKÜHLERs mit Aktien der Mercedes Aktiengesellschaft Holding (MAH). Der MAH gehören 25,23 Prozent der Daimler-Benz AG. Da der IG-Metall-Chef im Daimler-Aufsichtsrat sitzt, ist er in den Verdacht geraten, das Zubrot in sechsstelliger Höhe mit unzulässigen Insider-Informationen verdient zu haben. Die Ausnutzung intern erworbener Kenntnisse für Börsenspekulationen ist in Deutschland zwar noch nicht strafbar, aber per Ehrenkodex verpönt. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar KOPPER, der zugleich Vorsitzender des Daimler-Aufsichtsrates ist, bewertete unlängst Insider-Deals so: »Das ist kein Kavaliersdelikt. Wer gegen Insider-Regeln verstößt, gehört in den Knast.«
Ob STEINKÜHLER sich eines solchen Verstoßes schuldig gemacht hat, wird die Insider-Konunission der Frankfurter Börse prüfen. Fest steht bereits jetzt, daß der IG-Metall-Chef durch den Kauf und Verkauf von MAH-Aktien in einem hochspekulativen Abschnitt der Kursentwicklung satte Gewinne einstreichen konnte. Am 18. März kaufte STEINKÜHLER 500 MAH-Aktien zu einem Kurs von 453 Mark. Einschließlich Bankspesen kostete ihn der Erwerb 227.997,40 Mark. Eine knappe Woche später, am 23. März, legte sich STEINKÜHLER für 225.480,90 Mark ein weiteres Paket mit 500 Anteilscheinen à 448 Mark zu. Drei Tage darauf orderte er weitere 100 Aktien, die wegen des auf 483,50 Mark gestiegenen Kurses 48.671,61 Mark kosteten. Am l. April wurde dann Dominik STEINKÜHLER für knapp eine halbe Million Mark MAH-Aktionär. Für 1.000 Anteilsscheine, deren Stückpreis inzwischen bei 493 Mark lag, wurden exakt 496.256,30 Mark bezahlt.
In Stuttgart begann am selben Tag eine Sitzung des Daimler-Aufsichtsrats unter Beteiligung von Franz STEINKÜHLER. Es war alles andere als ein Routinetreffen. Denn am 2. Sitzungstag, dem 2. April, wurde unter dem Punkt »Verschiedenes« verkündet, daß die MAH und Daimler verschmolzen und die MAH-Aktien zum Jahresende im Verhältnis eins zu eins in Daimler-Papiere umgetauscht werden. Die Veröffentlichung dieses Beschlusses führte noch am selben Nachmittag an der Frankfurter Börse zu einem Kurssprung von 84,50 Mark pro MAH-Aktie; vorher hatte das Papier immer deutlich unter dem Daimler-Kurs gelegen.
STEINKÜHLER nutzte diesen Kursanstieg. Bereits am 19. April trennte er sich von fast der Hälfte des MAH-Pakets. In seinem Auftrag verkaufte die BfG 500 Aktien zum Kurs von 563 Mark und dann noch mal 500 Aktien für je 563,50 Mark, Insgesamt erlöste er dafür 559.527,55 Mark. Nettogewinn: 106.049,25 Mark. Hinzu kommt nach gegenwärtigem Kurs ein Wertzuwachs von rund 52.000 Mark für die bislang nicht veräußerten 1.100 Aktien, die sich in den Depots von STEINKÜHLER und Sohn befinden. Für 655 Stück erteilte er der BfG am 4. Mai den bis zum 28. Mai befristeten Auftrag, sie zu einem Kurs von mindestens 565 Mark zu verkaufen.
Der starke Mann und Hoffnungsträger der deutschen Gewerkschaften, der sich stets dagegen verwahrte, »die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit zu verwischen«, erweist sich als Spekulant, als Profiteur auf dem Börsen-Parkett. Für die Basis muß dies ein Schockerlebnis sein. Wegen der derzeitigen Wirtschaftsmisere stehen Zehntausende Arbeitsplätze in der Stahl- und Automobilindustrie auf dem Spiel. Der Daimler-Benz-Konzern macht sich gegenwärtig durch Umstrukturierungen für den internationalen Markt und für Geldgeber aus dem Ausland fit. Und just daran verdient sich STEINKÜHLER als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat eine goldene Nase.
Nach den Insider-Handelsrichtlinien der Frankfurter Börse dürfen gesetzliche Vertreter und Aufsichtsratsmitglieder einer Gesellschaft Geschäfte unter Ausnutzung von Insiderinformationen »zu keinem Zeitpunkt und in keiner Weise zum eigenen Vorteil oder zum Vorteil Dritter abschließen«.
Vom STERN am vergangenen Samstag auf die Spekulationsgeschäfte angesprochen, bestätigte STEINKÜHLER: »Die Fakten stimmen.« Mit Insider-Handel habe das alles freilich nichts zu tun. Er habe von der bevorstehenden Verschmel-zung von MAH und Daimler »nichts geahnt und nichts gewußt«. Normalerweise kümmere er sich nicht um Aktien. Er verfolge nur die Kurse der Firmen, in deren Aufsichtsrat er sitze, neben Daimler auch bei Thyssen, VW und der BfG. So habe er sich »lediglich an die seit geraumer Zeit zu beobachtende positive Kursentwicklung für MAH drangehängt«. Von der Verkündung der geplanten Fusion im Daimler-Aufsichtsrat am 2. April sei er überrascht worden.
Daimler-Chef Edzard REUTER bestätigte auf Bitten STEINKÜHLERs dem STERN, daß der IG-Metall-Chef nicht zu dem exklusiven, maximal acht bis zehn Personen umfassenden Kreis gehört habe, der vorab über die Verschmelzungspläne informiert gewesen sei. Aber auch Reuter kann nicht ausschließen, daß der über ein dichtes Beziehungsgeflecht in der deutschen Wirtschaft verfügende Gewerkschaftschef anderweitig einen Insider-Tip erhielt.
Seltsam ist jedenfalls, daß der ansonsten in Sachen Ak-tien wenig aktive STEINKÜHLER knapp eine Million Mark in ein einziges Wertpapier investierte. Bemerkenswert sind insbesondere STEINKÜHLERs Aktivitäten am 23. März: An diesem Tag trennte er sich auf einen Schlag von festverzinslichen Schuldverschreibungen im Nennwert von 158.000 Mark und 810 Investmentanteilen - alles risikoarme Papiere. Ebenfalls am 23. März kauf-te STEINKÜHLER das zweite Paket MAH-Aktien für 225.480,90 Mark..
Besonders seltsam mutet an, daß STEINKÜHLER für das Depot seines Sohnes Dominik die tausend MAH-Aktien am l. April zu dem schon kräftig gestiegenen Kurs von 493 Mark kaufte. Börsenfachleute sind sicher, daß der Kurs abgestürzt wäre, wenn in der Aufsichtsratssitzung am l./2. April die Fusion nicht verkündet worden wäre.
Experten nehmen es STEINKÜHLER nicht ab, daß er völlig ahnungslos ins hochspekulative Aktiengeschäft einstieg. Allein der große Umfang der Käufe, so der Vorsitzende einer Börsen-Prüfkommission für Insider-Geschäfte zum STERN, lasse den Schluß zu, daß »der Mann sich seiner Sache todsicher war«. »Völlig abwegig« sei die Vorstellung, daß jemand am ersten Tag einer Aufsichtsratssitzung ein solches Aktienpaket erwerbe und keine Ahnung habe, was am folgenden Tag im Zusammenhang mit dieser Aktie beschlossen werde: »Das stinkt zum Himmel.« Ähnlich sieht das ein Vorstandsmitglied einer deutschen Großbank.
Auf jeden Fall hat STEINKÜHLER die Aktien nicht als langfristige Kapitalanlage, sondern für eine kurzfristige Spekulation erworben. Ein solches Gebaren ist nur schwer zu vereinbaren mit dem Verhaltenskodex von Aufsichtsratsmitgliedern und schon gar nicht mit dem Auftrag eines Gewerkschafters, der die Interessen der Arbeitnehmer wahren soll und nicht seinen Vermögensvorteil als Anteilseigner.
Viele Mitglieder Aufsichtsräten handeln überhaupt nicht mit Aktien ihrer Gesellschaften, um jeden Eindruck unkorrekten Verhaltens von vornherein zu vermeiden, weiß der Vorsitzende der Frankfurter Insider-Kornmission, Friedrich-Carl zur MEGEDE. Er leitet derzeit auch die Überprüfung des Verdachts auf Insider-Handel im Falle MAH. Ebenso wie alle Vorstände und Aufsichtsräte von Daimler und MAH wurde auch STEINKÜHLER von MEGEDE aufgefordert, sich zu den Vorgängen schriftlich zu äußern. Der Gewerkschafter hat bis zum vergangenen Wochenende noch nicht darauf reagiert. STEINKÜHLER zum STERN: »Ich werde jetzt auf eine Überprüfung mit Hochdruck drängen. Denn ich bin politisch sehr verwundbar.«
Franz STEINKÜHLER ist unter den deutschen Gewerkschaftern eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mann, der nicht nur Tarif-, sondern auch Gesellschaftspolitik machen will. Bei seiner Wahl zum IG-Metall-Chef 1986 in Hamburg formulierte er als Fernziel: »Wir wollen teilhaben an allen Reichtümern dieser Gesellschaft.« Sein Lebensmotto ist das schon lange. Den Polizistensohn trieb es aus kleinsten Verhältnissen nach oben: »Ich wollte raus aus dem Dreck.«. Noch heute erzählt STEINKÜHLER, daß er als Kind zu Ostern immer nur Schokoladen-Bruch bekommen habe: »Osterhasen konnten wir uns nicht leisten.«
Das Problem hat der Klassenkämpfer in eigener Sache schon lange nicht mehr. Vor-bei auch die Zeiten des Stuttgarter Bezirksleiters STEINKÜHLER, dessen Metaller vor dem Bosch-Werk in den siebziger Jahren mit der Parole aufmarschierten: »Millionen gegen Millionäre«. Heute ist er wohl selber einer.
Europas einflußreichste Finanzzeitung, die Londoner »Financial Times«, erkannte schon 1987: »Er tritt eher wie ein Geschäftsmann auf denn wie ein Gewerkschafter.« Und das Düsseldorfer »Handelsblatt« beruhigte seine Leser anläßlich des STEINKÜHLER-Aufstiegs zum Gewerkschaftschef, bei ihm sei wenigstens »nicht die Rede ... von der Abschaffung des Profits«.
Das vertrüge sich auch kaum mit STEINKÜHLERs Lebensstil des Gewerkschafters. Gutes Essen, teure Zi-garren, schnelle Autos und feine Anzüge sind ihm selbstverständlich. Die Attribute der Mächtigen und Reichen vermitteln STEINKÜHLER die Gewißheit, mit den Vertretern des Kapitals gleichgezogen zu haben. Kritikern seiner Neigung zu Nohelrestaurants hält er forsch entgegen: »Ich esse viel lieber gut als schlecht, und ich habe auch noch keinen getroffen, der gerne schlecht ißt.«
Franz STEINKÜHLER ist davon überzeugt, daß es die Mitglieder nicht anders wollen. Die wünschten nämlich nicht, daß bei Tarifgesprächen »ein Kleiner mit einem Großen spricht«. Daß die Basis nicht immer das rechte Verständnis für den Kampf ihres Vormannes um soziale Anerkennung aufbringt. mußte der »feine Franz« im Februar 1988 in Duisburg-Rheinhauscn erfahren. Da wurde er von demonstrierenden Stahlkochern gnadenlos ausgepfiffen, die um den Bestand ihrer Hütte fürchteten.
Als Wanderer zwischen zwei Welten - hier die Metal-ler im Blaumann, dort die Manager und Politiker im Nadelstreifen - kann man schon mal die Orientierung verlieren. Im Vergleich zu den geborenen Mitgliedern der gesellschaftlichen S-Klasse, unter denen STEINKÜHLER viele gute Bekannte hat, ist er selbst eher ein Sozialfall. Die über 20.000 Mark brutto, die der Gewerkschaftschef monatlich bekommt, sind für einen Mercedes-Monteur viel Geld. Für Daimler-Chef Edzard REUTER ist es ein besseres Trinkgeld. Andererseits hat STEINKÜHLER mindestens soviel Macht und Verantwortung wie ein Top-Manager und rackert mehr als manche von ihnen.
Mit seinem Aktien-Deal hat STEINKÜHLER nicht nur sich selbst und seiner Gewerkschaft, sondern auch dem Finanzplatz Deutschland und Daimler-Benz geschadet. Die Frankfurter Börse steht bei ausländischen Investoren wegen der laxen Insider-Kontrollen ohnehin in einem denkbar schlechten Ruf. Die Folge der jüngsten Affäre könnte sein, daß sich die internationale Kritik am Börsenplatz Deutschland noch verschärft und ausländische Anleger wegbleiben.
Hochnotpeinlich ist die Affäre für Daimler-Chef REUTER. Nach langwierigen Verhandlungen in New York hatte der Konzern jüngst voller Stolz angekündigt, er werde als erstes deutsches Unternehmen an der Wall Street notiert. Erstes Stirnrunzeln gab es in Amerika, als am 2. April die MAH-Daimler-Fusion bekanntgegeben wurde, ohne daß der Börsenhandel in Frankfurt zuvor ausgesetzt worden war. Und tatsächlich wurden in einer halben Stunde nachbörslichen Computerhandels Millionengewinne realisiert. Weit heftiger dürfte die Reaktion ausfallen, wenn sich der Verdacht auf Insider-Geschäfte eines Daimler-Aufsichtsrats bestätigen sollte.
Sicher ist, daß es am 26. Mai auf der Hauptversammlung von Daimler-Benz. in Stuttgart hoch hergehen wird. So hat der Diplom-Kaufmann Jochen KNOESEL aus Reichenberg beantragt: »Vorstand und Aufsichtsrat werden nicht entlastet.« Er begründet dies mit der Informationspolitik der Vorstände von Daimler und MAH im Vorfeld des Fusionsbeschlusses, die einen »ausufernden Insider-Handel zu Lasten ahnungsloser Kleinaktionäre ermöglicht« habe.
Mitarbeit: Dieter HÜNERKOCH, Rüdiger JUNGBLUTH.
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