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7.3.2.1.2 - Peter STÖFERLE/Augsburger Allgemeine: Journalistische Nachschau

www.recherchieren.org: Ergänzung zum Kapitel 7.3.2
letzte Änderung: 2002-10-03

Peter STÖFERLE/Augsburger Allgemeine: Journalistische Nachschau


Die historische Recherche zum Thema blieb nicht ohne journalistische Folgen. Aus einer Vielzahl von Beiträgen, die ich von 1996 an über Zwangsarbeit und die Debatte um den Entschädigungsfonds („Stiftungsinitiative“) der deutschen Wirtschaft verfasst habe, seien nachfolgend die wichtigsten genannt, die direkt oder indirekt Bezug auf die Recherchen in Neu-Ulm nehmen.


Neu-Ulmer Zeitung, 10. Oktober 1996:
„Zwangsarbeit in Ulm/Neu-Ulm“ (Sonderseite, Lokales)
Die Konzeption und Produktion dieser Seite bildete den zweiten, kommunikationswissenschaft-lichen Teil der Abschlussarbeit im Studiengang JWB an der FU Berlin, gewissermaßen die publizistische Umsetzung der oben beschriebenen (und weiterer) Recherchen. Die Seite erschien an jenem Tag, an dem auf Einladung des Ulmer „Dokumentationszentrums KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg“ (DZOK) eine Gruppe ehemaliger polnischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter die Städte Ulm und Neu-Ulm besuchte. Unter der Überschrift „Viele Firmen hatten ihre eigenen Ausländerlager“ wurde auch eine Liste mit den wichtigsten Lagern in Neu-Ulm und ihrer Größe ab-gedruckt. Die interessanteste Reaktion darauf war eine Nicht-Reaktion: Obwohl fast alle genannten Firmen noch existier(t)en, gab es keinerlei Beschwerden bei der Lokal-redaktion in Neu-Ulm oder der Chefredaktion der Augsburger Allgemeinen.


Augsburger Allgemeine, 18. August 1998:
„‘Bewegung‘ nach 53 Jahren“ und „Sie gehörten zum Firmen-Alltag“ (Politik)
Zwei Beiträge schildern den Beginn der Debatte um einen Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft angesichts von Sammelklagen in den USA nach dem Vorbild des Rechtsstreits vor US-Gerichten um das „Raubgold“ und die „schlafenden Konten“ von ermordeten Juden in der Schweiz. Eine Liste nennt die KZ-Außenlager sowie einige Zwangsarbeiterlager im Verbreitungs-gebiet der Zeitung, darunter fünf in Ulm/Neu-Ulm.


Augsburger Allgemeine, 8. Dezember 1999:
„Zehntausende dienten dem ,Kriegseinsatz‘“ (Sonderseite „Politik extra“)
Angesichts des drohenden Scheiterns der politischen Verhandlungen um eine Zwangsarbeiter-Entschädigung und der Tatsache, dass sich zu diesem Zeitpunkt bundesweit gerade 60 Firmen zu einer Einzahlung in einen Entschädigungsfonds bereit erklärt haben, wird Zwangsarbeit als ein auch regionales Phänomen dargestellt. Die Veröffentlichung enthält eine seitenhohe, nach Ortsnamen sortierte Auflistung von Firmenlagern im Verbreitungsgebiet der Augsburger Allgemeinen/Allgäuer Zeitung, darunter auch die neun größten Neu-Ulmer Lager und eine Reihe von Lagern im Umland, auf die aus den Neu-Ulmer Abmeledaten geschlossen werden konnte (vgl. Aufstellungen auf Seite 36 und 38). In einer Kleinstadt im Landkreis Günzburg widerspricht der Vorsitzende eines Heimatvereins der Darstellung. Das umstrittene Lager ist jedoch auch im Catalogue of Camps and Prisons (CCP) des Internationalen Such-dienstes (ITS) des Roten Kreuzes in Bad Arolsen verzeichnet.


Augsburger Allgemeine, 30. Dezember 1999:
„Ein deutsches Erbe nach 55 Jahren“ (Politik)
Für diesen Beitrag werden erstmals Firmen aus der Region gezielt befragt, warum sie keine Entschädigung für Zwangsarbeiter leisten wollen. Die Recherchen gestalten sich extrem mühsam; bei vielen Firmen ist auch nach zehn oder zwanzig Anrufen niemand zu sprechen, der sich äußern will. Einige Unternehmen begründen, warum sie der „Stiftungs-initiative der deutschen Wirtschaft“ beigetreten sind. Nur zwei Firmen – beide aus Neu-Ulm – sagen explizit, warum sie dies nicht tun wollten. Für die Firma Milkana, Nachfolgerin der Schachtelkäsefabrik Franz Zwick, erklärte ein Sprecher des Unilever-Konzerns, Unilever sei selbst in der NS-Zeit als jüdisches Unternehmen unter Zwangs-verwaltung gestanden. Die Neu-Ulmer Firma „Sport Sohn“ verwies auf „veränderte Besitz-verhältnisse“; sie betrachte sich deshalb nicht als Nachfolgerin der Neu-Ulmer Firma „Heinrich Sohn K.G. Heeresausrüstungs- u. Sportartikelfabrik Neu-Ulm a. Donau“, die in Bellen-berg, 20 Kilometer südlich von Neu-Ulm, eine Fabrik mit 118 Zwangs-arbeitern und Kriegsgefangenen zur Fertigung von Wehrmachtausrüstung betrieben hatte. Die heutigen Gesellschafter hätten lediglich „den guten Namen beibehalten.“ Zu den Firmen, die sich in dem Beitrag nicht äußerten, gehörte der Walter-Bau-Konzern, dessen Vorläuferfirma Thormann & Stiefel (Thosti) in Augsburg die Geschäfts-führung des „Zweckverbandes Barackensammellager V“ für 2000 Zwangs-arbeiter von 40 Firmen inne hatte. Walter-Bau trat einige Monate später der Stiftungsinitiative bei.


Augsburger Allgemeine, 12. Februar 2000:
„Überraschendes aus der Firmengeschichte“ (Politik)
Nach der Veröffentlichung der Lager-Liste am 8. Dezember 1999 hatte die Augsburger Bundestagsabgeordnete Claudia Roth (später Parteivorsitzende der Bündnisgrünen) die genannten Firmen angeschrieben und befragt, ob sie dem Entschädigungsfonds bei-treten wollten. In einer Pressekonferenz am 11. Februar 2001 stellte sie die Ergebnisse vor: Elf Firmen oder ihre Muttergesellschaften erklärten, dass sie beigetreten seien oder dieses prüften, zwei Firmen ließen wissen, sie erkennten „keine direkte Verantwortung“, 21 weitere reagierten nicht. Eine Firma erklärte, die Anfrage habe „Ver-wunderung ausgelöst, da uns über derartige Vorgänge in unserem Hause bislang nichts bekannt war.“ Ähnliche Angaben über 58 befragte Firmen wurden am gleichen Tag in Ulm von der IG Metall, dem Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (siehe oben) und der Volkshochschule vorgelegt: Fünf Firmen gehörten der Stiftung an, drei lehnten dies ab, fünfzig antwor-teten nicht. Der Beitrag enthält eine Liste der Firmen aus dem Verbreitungsgebiet der Augsburger Allgemeinen, die dem Entschädigungsfonds beigetreten sind. Firmen aus der Stadt Neu-Ulm sind nicht darunter.


Augsburger Allgemeine, 20. April 2000:
„Viele stehen nicht zur Geschichte“ (Politik)
Der Beitrag bilanziert die Beitritte von Firmen der Region zur „Stiftungsinitiative“ und enthält eine Liste der Mitgliederfirmen der IHK-Bereiche Augsburg-Schwaben, München-Oberbayern, Ulm und Lindau. Der Sprecher der „Stiftungsinitiative“, Wolf-gang Gibowski, weist die Argumentation von Unternehmen in den beiden oben ge-nannten Beiträgen zurück, sie seien wegen geänderter Rechtsformen oder Besitzverhältnissen nicht die Nachfolger von Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten: „Wer eine Firma kauft und den Namen übernimmt, der tut dies, weil er sich davon etwas verspricht. Die machen jetzt ein Geschäft unter dem Namen einer Firma, die Zwangsarbeiter beschäftigt hat, also müssen sie sich auch der historischen Verantwortung stellen.“ Explizit kritisiert er die (privatisierten) Stadtwerke Augsburg, die nicht beitreten, obwohl sie Zwangsarbeiter beschäftigt hatten und dies auch auf Internet-Seiten von Opferverbänden in Deutschland und den USA dokumentiert ist.


Augsburger Allgemeine, 17. Oktober 2000:
„Das Adressbuch des Unrechts ist viele Kilometer lang“ (Die dritte Seite)
Der Beitrag schildert die Vorbereitungen des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen (Hessen) auf die Überprüfung der Anträge für Entschädigungszahlungen aus dem Fonds der „Stiftungsinitiative“, aber auch den Streit zwischen Historikern, Politikern und dem ITS um die Öffnung der Archive für die Forschung. Die Reportage beschreibt die kilometerlangen Aktenbestände in Bad Arolsen und eine „Stichprobe“ in einem Regal mit Aktenschubern aus Augsburg, Neu-Ulm, Kempten, Ingolstadt und Nördlingen. Zutage kommt ein Namensverzeichnis der Zwangsarbeiter einer noch existierenden Firma in Augsburg. Deren Geschäftsführer lässt auf Anfrage wissen, er wolle sich nicht dazu äußern und man wolle „von dem Thema nichts mehr hören.“ Auf die Nennung des Firmennamens in dem Zeitungsbeitrag wurde verzichtet, weil das Mandat des ITS bislang historische Forschung nicht zulässt und die Akten dafür nicht zugänglich sind.


Augsburger Allgemeine, 22. Februar 2001:
„Erinnerung, Verantwortung und Zaudern“ (Sonderseite „Politik extra“)
In Anspielung auf das Leitmotto der „Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft“ („Er-innerung, Verantwortung, Zukunft“) wird über die weithin nicht vorhandene Bereit-schaft regionaler Firmen zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter berichtet. Es wird unter anderem darauf verwiesen, dass von 80 Firmen in Stadt und Landkreis Neu-Ulm, die selbst Zwangsarbeiter beschäftigt hatten und fast ausnahmslos noch existieren, genau drei der Stiftungsinitiative beigetreten sind. Für diesen Zeitungsbeitrag wurde erneut – wie schon Ende 1999 – über Wochen hinweg versucht, Stellungnahmen von Unternehmen zu erhalten. In den meisten Fällen gelang dies nicht. Einige Geschäfts-führer erklärten freiweg, sie sehen sich nicht in der historischen Verantwortung oder die Besitzverhältnisse der Firma hätten sich geändert, oder sie bestreiten, überhaupt Zwangsarbeiter beschäftigt zu haben, obwohl sie mit Namen oder Lager-verzeichnissen konfrontiert wurden. Die Augsburger Centralmolkerei (Cema) erklärt, sie sei nicht identisch mit der „Central-Molkerei“, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatte: Die Übernahme „eines eingeführten Namens“ sei lediglich „geschicktes Marketing“, bedeute aber keine Rechtsnachfolge. Auch die Stadtwerke Augsburg, die zweifelsfrei Zwangs-arbeiter beschäftigt haben, und die Stadtverwaltung Kempten/Allgäu, bei der ein eigenes „KZ-Kommando Oberbürgermeister“ belegt ist, zählten zu jenen, die weiterhin nicht in den Fonds einzahlten, obwohl etliche andere Kommunen und Stadtwerke dies taten. Die Stadtwerke Augsburg verweisen auf die Zuständigkeit Stadt, die Stadt auf den Freistaat Bayern.
Der Sprecher der „Stiftungsinitiative“, Wolfgang Gibowski, spricht von „Ausflüchten.“ Die Seite enthält wieder eine Liste der Firmen aus dem Verbreitungsgebiet der Zeitung, die der Stiftungsinitiative beigetreten sind. Ein weiterer Beitrag auf der Seite beschreibt die Initiativen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, das Thema Zwangsarbeit für die Kirche oder auf kirchlichen Gütern aufzuarbeiten und die (damals) eher zaghaften Bemühungen der katholischen Kirche in Bayern. Reaktionen auf diese Seite kommen weder von den als Negativ-Beispiele namentlich genannten Firmen oder Kommunen noch von der Kirche.


Augsburger Allgemeine, 31. Mai 2001:
„Zwangsarbeiter als Verschlusssache im Archiv“ (Schwaben und Oberbayern)
Der Bürgermeister von Gersthofen (nördlich von Augsburg), Siegfried Deffner, ver-weigert Schülern des örtlichen Gymnasiums den Zugang zum Stadtarchiv, wo sie für ein Projekt ihres Geschichtslehrers Dr. Bernhard Lehmann über Zwangsarbeit am Ort recherchieren wollen. Begründung: Es werde gegen „schutzwürdige Belange und Persönlichkeitsrechte Dritter“ verstoßen – und zwar derjenigen, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten: „Die können sich ja nicht mehr gegen die Vorwürfe wehren.“ In dem Beitrag kommen der Leiter des Augsburger Staatsarchivs, Dr. Peter Fleischmann, dessen Haus gerade Dokumente über Zwangsarbeit öffentlich ausstellt, und die (da-malige) Leiterin des Neu-Ulmer Stadtarchivs, Barbara Treu, zu Wort, die die elektronische Auswertung der Meldekartei für die hier vorliegende Arbeit ermöglicht hatte. Der Fall schlägt bundesweit in der Presse und im Fernsehen Wellen, auch eine US-Zeitung berichtet darüber. Die Schüler erhalten kurz darauf durch Beschluss des Ver-waltungsgerichts Augsburg Zugang zum Archiv und konzipieren eine kleine Ausstellung, die am 18. Oktober 2001 von Hildegard Hamm-Brücher eröffnet wurde.

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Die „journalistische“ Beschäftigung mit dem Thema wäre in dieser Tiefe und mit so zahlreichen regionalen Bezügen ohne die Untersuchung in Neu-Ulm nicht möglich gewesen. Dabei war diese umfangreiche „Verwertung“ der Erkenntnisse anfangs gar nicht beabsichtigt; sie ergab sich vielmehr aus der erst danach beginnenden Diskussion über die Entschädigung der Zwangsarbeiter durch die deutsche Wirtschaft. Durch die Forschungsergebnisse aus Neu-Ulm sowie Veröffentlichungen über Bayerisch-Schwaben (Bücher von Gernot Römer) und über Augsburg (Wolfgang Kucera) war es möglich, einem „großen politischen“ Thema die regionale Facette zu geben – und zu zeigen: Der Nationalsozialismus und seine Folgen waren nicht nur weit weg, sondern auch vor Ort, und mit Zwangsarbeit sind Namen verbunden, die man heute noch kennt.

Journalistisch blieben sämtliche Beiträge überraschenderweise unproblematisch: Es kamen keinerlei Proteste von Betroffenen gegen Namensnennungen von Firmen und schon gar keine Versuche, rechtlich gegen die Veröffentlichungen vorzugehen. Natür-lich riefen – wie nach vielen Beiträgen zu NS-Themen üblich – Leser an, um dar-zulegen, dass auch Deutschen gegenüber Unrecht getan worden sei oder schrieben Leserbriefe, aber es gab (mit Ausnahme eines unklaren Hinweises auf ein Lager im Landkreis Günzburg, s.o.) keine inhaltlichen Einwände gegen einen der Beiträge.

Auch in zwei weiteren Punkten blieb die Berichterstattung erstaunlich wirkungslos: Viele der genannten Firmen haben weiterhin nicht in den Fonds der „Stiftungsinitiative“ eingezahlt. Selbst mehrfache Veröffentlichungen im Zusammenhang mit Zwangsarbeit haben eine ganze Reihe von Inhabern oder Geschäftsführern offenbar nicht zu einem Beitritt veranlasst (was ja auch nicht Ziel, sondern Anlass der Beiträge war). Die daraus resultierenden Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Wirkung von Presseveröffentlichungen sind hier nicht untersucht worden. Und: Eine öffentliche „Debatte“ über Zwangsarbeit vor Ort ist über Ansätze – Vorstöße von Politikern, Gewerkschaftern, des Ulmer Dokumentationszentrums DZOK und von „Geschichtswerkstätten“ in Ulm und Augsburg – kaum hinausgekommen. Auch darin scheint die Wirkung von journalistischer Arbeit begrenzt zu sein.