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7.3.2.1.3 - Matthias BAERENS: 'Kaufhaus Kychenthal in Schwerin' |
www.recherchieren.org: Ergänzung zum Kapitel 7.3.2 |
letzte Änderung: 2002-10-04 |
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Matthias BAERENS: 'Kaufhaus Kychenthal in Schwerin' |
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''Die Anregung für die Beschäftigung mit der Geschichte eines jüdischen Kaufhauses in meiner Heimatstadt Schwerin stammt aus Studienzeiten. Im Studiengang Journalistenweiterbildung (JWB) an der FU Berlin hörte ich 1995 in einem Seminar über die Enteignungen großer jüdischer Unternehmen, u.a. in Berlin und Hamburg. Für mich war dieses Thema bis zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Ich hatte zuvor schon einmal am Rande etwas von Enteignungen üdischer Banken und Kaufhäuser im 'Dritten Reich' gehört. Aber ob es so etwas auch im eher provinziellen Schwerin in Mecklenburg gegeben haben könnte, war mir nicht bekannt.
In meinem Geschichtsbild, offenbar geprägt durch DDR-Geschichtsunterricht, kamen keine einzelnen Bilder von Opfern aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht vor. Die Millionen ermorderten Juden waren der DDR als Opfer in der negativen Bewertung des Faschismus willkommen. Der richtige ''antifaschistische Widerstand'' bestand sowieso nur aus der KPD, alles andere (bürgerliche) war nicht konsequent genug - so mein Geschichtsunterricht. Die
Tatsache, dass jüdische Geschäftsleute (immerhin auch Kapitalisten!) enteignet wurden, spielte jedenfalls keine Rolle.
Fazit der Vorrede: Ich stand vor Neuland, um meinen ersten Uni-Schein zu erlangen. Die Aufgabe bestand in einer lokalen Recherche in Sachen ''Arisierung'', also der Enteignung jüdischer Unternehmen in Schwerin.
Mein erster Weg führte ins Stadtarchiv. Dort fand ich einige Unterlagen über das Kaufhaus Kychenthal am Schweriner Marktplatz. Im Landeshauptarchiv studierte ich alte Zeitungen aus der Zeit 1933 bis 1939, fand weitere Unterlagen und Dokumente. Mit Hilfe dieser Dokumente rekonstruierte ich die wesentlichen Punkte der Geschichte des Kaufhauses. Der Uni-Schein war gesichert - mein persönliches Interesse am Stoff spätestens jetzt geweckt. Zum Schluss stellte sich heraus, dass das Rückführungsverfahren um das Haus noch nicht abgeschlossen ist. Nachfahren der Familie Kychenthal versuchten zu diesem Zeitpunkt aus Chile das Eigentum Ihrer Eltern wieder zurückzuerhalten.
Zur Information schickte ich die Ergebnisse meiner Recherche auch nach Chile. Zurück kam ein herzlicher Dank - große Teile meiner Rekonstruktionsergebnisse waren dort auch nicht bekannt. Aus diesem ersten Kontakt wurde später eine Freundschaft.
Als ich vor der Frage des Themas für die Abschlußarbeit meines Studiums stand entschied ich mich für ''Tiefgang'' in Sachen Kychenthal. Ich wußte inzwischen das sich weitere Akten bei der Familie in Chile befinden - allerdings nicht welche. In Chile stellte ich dann fest, dass hier der komplette persönliche Briefverkehr sowie Geschäftsakten des Kaufhauses vorliegen - nsgesamt gut 10.000 Seiten Papier. Ich stand nicht mehr vor dem Problem krampfhaft nach ''historischen'' Dokumenten zu suchen - eher vor dem Problem der Auswahl und richtigen
Einordnung. Dazu kam die prägende persönliche Erfahrung, als Deutscher in einer jüdischen Familie in Chile herzlich als Gast willkommen zu sein, deren Eltern vor rund 60 Jahren aus meiner Heimatstadt vertrieben worden sind. Diese Erfahrung möchte ich nicht mehr missen.
Die spätere journalistische Verarbeitung des Themas verlief hingegen eher unspektakulär. Das fest geplante Radiofeature bei NDR 4 kam nicht zustande, weil ich nach der Rückkehr aus Chile beruflich in anderen Projekten mehr als zu tun hatte. Erschienen ist ein Buchbeitrag zum Kaufhaus Kychenthal in einem Sammelband zur jüdischen Geschichte in Meklenburg-Vorpommern (Matthias Baerens: 'Die ''Arisierung'' des jüdischen Kaufhauses Kychenthal in
Schwerin'. In: Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1998).
Der C.H. Beck-Verlag, bei dem ich bereits anderweitig als Autor publiziert hatte (Matthias Baerens/Ulrich von Arnswald: Die Müll-Connection - Entsorger und ihre Geschäfte. München: C.H.Beck, 1993), interessierte sich ebenfalls für die Geschichte. Doch auch ihn ereilte nach Studienabschluß 1998 das NDR-Feature-Schicksal...
Immer öfter kommen jetzt jedoch Aufträge für Vorträge oder thematische Stadtführungen zum Thema ''Arisierung'' und ''Kaufhaus Kychenthal''. Gerade hat das NDR-Fernsehen auf Grundlage meiner Recherche einen Beitrag gedreht (Ausstrahlung: 9.11.2002). Auch das Radio interessiert sich wieder, ebenso wie die Tageszeitung vor Ort. In beiden Medien wird es im Herbst 2002 Beiträge zum Thema geben. Ich persönlich denke ernsthaft über ein Buchprojekt nach - primär aus dokumentarischen Gründen.
Zusammenfassend hier meine Erfahrungen bei dieser Recherche:
- Geschichte wirkt bis heute nach, und lokale Geschichte kann besonders spannend sein
- investigativer Journalismus hat auch etwas mit professionellem und vollem Eintauchen in ein Thema zu tun - mindestens einige Tropfen Herzblut sollte man investieren...
Und noch etwas:
Nicht allein der Verkauf einer ''Story'' an ein Medium XY verschafft einem journalistische Befriedigung (wenn es so etwas gibt). Denn eigentlich geht es doch immer darum: Etwas herauszufinden, was vorher noch niemand wusste.''
Hier lässt sich der Text als pdf-file (115 KB, 36 Seiten) direkt öffnen: |
Und hier kann man ihn als ge-zipptes pdf-file downloaden, um ihn erst auf dem eigenen Rechner zu öffnen und dann zu lesen |
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